Leserbrief zu "Das schwarze Netz" (FALTER 5/14)

Es ist finstere Nacht. Eisiger Wind pfeift durch die Straßen. Den Kragen hochgestellt, die Wollmütze tief in die Stirn gezogen, huscht eine dunkle Gestalt die Hausmauer entlang. Ein dicker Schal verhüllt den Großteil des Gesichts. Unter dem Arm ein Bündel Druckwerke.

Mit einem Spezialschlüssel, sonst den Einsatzkräften vorbehalten, öffnet sie das Haustor, eilt die Treppe hoch und ist ebenso schnell wieder verschwunden. Nur das druckfrische Machwerk bleibt vor der Tür zurück. Niemand hat sie gesehen. Keiner weiß, wer sie ist. So setzt sie unbehelligt ihren Weg durch die Nacht fort.

So, oder so ähnlich, hat es sich zugetragen, als die Hauszustellerin den Falter 5/14 vor meine Wohnungstür legte. Darin enthalten ein Bericht über "das schwarze Netz". Illustriert mit Patrone und Hanfblatt ist sofort klar worum es geht: Das "anonyme Parallelinternet", den "anonymen, quasi rechtsfreien Raum", das "Darknet" zu dem man "nur über den Webbrowser Tor" Zugang erhält und in dem mit der "virtuellen, ebenfalls anonymen, aber völlig legalen" Währung Bitcoin bezahlt wird.

Der Spin dieser Formulierungen ist klar. Anonymität im Internet sei gleichzusetzen mit zwielichtigen Parallelgesellschaften, rechtsfreiem Raum und Illegalität. Die verwendete Währung sei anonym ABER legal. Offenbar unvereinbare Gegensätze.

Bei hellem Tageslicht betrachtet ist es fachlich inkorrekt den Begriff "Darknet" auf Tor anzuwenden. Tor ist auch kein Webbrowser sondern stellt einen solchen vorkonfiguriert zur Verfügung. So kann jedermann diesen Anonymisierungsdienst ohne technische Vorkenntnisse nutzen. Ebenso ist der Tor-Namensraum, ähnlich .at und .com, der Allgemeinheit frei zugänglich. Bitcoins sind weiters keineswegs anonym. Vielmehr wird jeder einzelne Bezahlvorgang protokolliert. Im Gegensatz zum anonymen und legalen Bezahlen mit Euro-Bargeld.

Kommunikationsmittel ermöglichen es seit jeher, damit auch kriminelle Absprachen zu treffen. Das ist auch bei Briefpost, Telefon und Kleinanzeigen so. Jedoch sind Privatsphäre und vertrauliche Kommunikation wesentliche Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften. Gefährlich wäre deren Abschaffung.

Anonymität finden wir in unserer Gesellschaft in vielerlei Ausprägungen. Ein Besuch im Beisl erfordert keine Ausweisleistung und auch Telefonzellen ermöglichen noch ganz anonyme Kommunikation. Öffentliche Verkehrsmittel, Straßen, Plätze und die Post, all diese Orte und Dienste können wir anonym nutzen. Niemand käme auf den Gedanken dafür Bezeichnungen wie Darkcity, anonymes, quasi rechtsfreies Telefonnetz oder anonyme Parallelpost zu kreieren.

Ebenso sollte es sich mit dem Internet verhalten, nur sind die Voraussetzungen ungleich schwieriger. Technisch ist dort alles nachvollziehbar und kann überwacht werden. Anonymität und Privatsphäre müssen erst aktiv – und mitunter mühsam – hergestellt werden. Das ist jedoch keineswegs verdächtig oder geheimnisvoll, sondern eine grundrechtlich verankerte Selbstverständlichkeit.

Bitte zieht das bei der Nutzung Eures schwarzen Distributionsnetzes in Betracht.

Leserbrief von Andreas Krisch zu
"Das schwarze Netz - Ein Wiener verkaufte Drogen über das Internet – im Prozess gegen ihn erfuhr man viel über das mysteriöse Darknet" (Falter 05/14)

Dieser Leserbrief ist im Falter 7/14 in leicht gekürzter Form erschienen.